
Täglich überqueren tausende Menschen den Lameyplatz, fahren über die Durlacher Allee oder schlendern über den Stephanplatz – meist ohne zu ahnen, dass sich nur wenige Meter unter ihren Füßen eines der bedeutendsten Bauwerke Karlsruhes verbirgt. Am 29. Januar 2026 hatten 23 Stipendiatinnen, Stipendiaten und Alumni des Netzwerk Deutschlandstipendium e.V. die Gelegenheit, genau diesen verborgenen Teil der Stadt kennenzulernen: den historischen Karlsruher Landgraben.
Der im Jahr 1588 angelegte Landgraben ist das älteste und längste Bauwerk der Stadt Karlsruhe und ist damit deutlich älter als die Stadt selbst. Ursprünglich als offener Entwässerungsgraben errichtet, entwickelte er sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem zentralen Bestandteil der städtischen Infrastruktur. Im 19. Jahrhundert wurde der Kanal mit einem weitgespannten Sandsteingewölbe überbaut und zählte damals zu den größten Kanalbauwerken Europas. Heute übernimmt er als denkmalgeschützter Hauptsammler des Karlsruher Kanalnetzes eine Schlüsselrolle für die Entwässerung der Stadt.
Besonders spannend waren die Einblicke in die vielfältigen Aufgaben des Kanalbetriebs. Im unterirdischen Besucherraum erfuhren die Teilnehmenden, wie moderne Kamerasysteme zur Inspektion der Kanäle eingesetzt werden, wie Sanierungsmaßnahmen geplant werden und welche Bedeutung regelmäßige Reinigungs- und Wartungsarbeiten für die Betriebssicherheit haben. Auch der Schutz vor Starkregenereignissen und Hochwasser wurde vom Leiter des Karlsruher Kanalbetriebs thematisiert – ein Aufgabenfeld, das angesichts zunehmender Extremwetterereignisse immer wichtiger wird.

Großes Interesse weckten zudem die ingenieurtechnischen Herausforderungen beim Bau der Karlsruher U-Strab. Da sich die Tunnelbauwerke an mehreren Stellen mit dem historischen Landgraben kreuzen, waren aufwendige Planungs- und Baumaßnahmen erforderlich, um beide Infrastrukturen dauerhaft miteinander zu vereinbaren. Für viele überraschend war außerdem ein weiterer Aufgabenbereich des Kanalbetriebs: die Vorbeugung und Bekämpfung von Ratten und anderem Ungeziefer im Kanalnetz. Auf Rückfragen erläuterten die Mitarbeitenden die Verteilung der Köderstellen im Innenstadtbereich sowie deren wasserdichte Konstruktion.
Der Höhepunkt der Führung folgte schließlich mit dem Gang in das historische Sandsteingewölbe unter dem Lameyplatz. Dort befindet sich ein zentraler Knotenpunkt des Karlsruher Kanalnetzes mit zahlreichen Hochwassermarkierungen an den Wänden. Während das Wasser hörbar durch den gewaltigen Kanal strömte, wurde die Funktion des Bauwerks erkennbar: Der Landgraben sammelt große Teile des Karlsruher Mischwassers, während bei Starkregenereignissen zusätzliche Wassermengen über einen Entlastungsablauf in die Alb abgeführt werden können. Damit trägt der Landgraben bis heute wesentlich zum Hochwasserschutz und zur sicheren Entwässerung der Stadt bei.
Die Führung machte deutlich, wie viel technische Infrastruktur notwendig ist, damit unser Leben an der Oberfläche sauber und reibungslos funktioniert. Ein herzlicher Dank gilt den Mitarbeitenden des Tiefbauamts Karlsruhe für die spannende Führung, die zahlreichen Einblicke und die ausführliche Beantwortung unserer Fragen. Wenn die Studierenden und Alumni künftig in Karlsruhe unterwegs sind, werden sie die Stadt bestimmt mit anderen Augen sehen – und gelegentlich daran denken, was sich unter den Straßen verbirgt.

